Der Größenwahn
Drei Sekunden später meldete sich mein Größenwahn aus der Steuerzentrale meines Hirns.
“Julian, das ist nur EIN Heft.” dachte ich. “Du wolltest doch DREI machen! Alle guten Hefte sind drei! Three is a magic Number!” Sofort schoben sich andere Gedanken hinterher: “Ach, das ist doch easy. Astrozwerge 2 steht doch schon fast. Nur noch ein paar Seiten fertig zeichnen, bisschen Graustufen. Und das Clutter Radatsch Magazin #2? Genau so easy! - da scannst du nur kurz 64 Seiten, Cover drüber und ab dafür - zack bumm fertig!
Die Realität
Aber “Zack Bumm Fertig” ist eben leider nur eine Phrase. Denn Comics sind ein verdammt undankbares Medium, was den Aufwand angeht. Dahinter verstecken sich tiefe Abgründe, wie zum Beispiel Scannen. Wer regelmäßig mit Druckern zu tun hat, der weiß, dass die Dinger direkt aus der Hölle kommen.

Drucker wurden erschaffen, um die Menschheit in den Wahnsinn zu treiben. Leider ist mein Scanner in meinen Drucker integriert. Deshalb fühlt sich das Scannen von 64 Seiten an, wie Nachsitzen in der unklimatisierten Grundschule deiner Albträume. Dazu kommen die ganzen kleinen Arbeiten, die man immer wieder vergisst und die solche Projekte am Schluss in die länge ziehen: zum Beispiel Klappentexte, Impressum oder rechtliches Blabla.
Wir stellen also fest: Comics brauchen unglaublich lange bis sie fertig sind. Da ist nichts mit “Zack Bumm Fertig”! Zum Beispiel sitze ich für eine Seite Clutter Radatsch Magazin mehrere Stunden beim Zeichnen und du sitzt zum Lesen vier Minuten auf dem Klo. Das steht in keiner Relation.

Wenn man von einem Werk wie Pimmel und Pummel oder den Astrozwergen ausgeht, dann bedeutet das: Bevor überhaupt ein Strich gemalt wird, braucht man eine Idee, die wird vertieft, überprüft, der Stoff wird recherchiert, dann aufgeschrieben, überarbeitet und so weiter. Auch hier steht am Ende eine Arbeit, die sehr aufwendig produziert und leider viel zu schnell konsumiert wird. Dazu kommt, dass Leute wie ich Comics für ein extremes Nischenpublikum machen: Nämlich Leute, wie mich. Politische Interessierte Erwachsene mit schrägem Humor und starken Selbstzweifeln. Die Zielgruppe ist so klein, die könnte ich mir wahrscheinlich alle beim Vornamen merken. Trotzdem muss man die erstmal finden und davon überzeugen einen Comic zu kaufen.
Und wieso kein Verlag?
Einen Verlag zu finden, der meine Comics publiziert, halte ich mittlerweile für derart abwegig, dass ich eher daran glaube unverhofft zu erben. (Was ebenfalls nicht passieren wird) Das heißt also ich bin komplett auf mein eigenes Marketing, meinen Vertrieb und meine Ressourcen gestellt. Sobald also irgendwas aus dem Ruder läuft, funktioniert auch der Rest nicht mehr. Hier könnte ich jetzt das leidige KI Thema aufmachen - will ich aber nicht. Es ist das System, das nicht funktioniert.
Am Schluss kommt auch noch die Druckerei und will Geld von mir. Echtes Geld. Druckereien haben nämlich die obskure Angewohnheit, für ihre Arbeit bezahlt werden zu wollen. Glaubt man das? Denen reicht das nicht, dass sie mit meinem Druckerzeugnis an Sichtbarkeit gewinnen und das völlig gratis! Verstehe ich nicht.

Woher nehmen, wenn nicht stehlen?
Tja, da ist mir dann aufgefallen, dass ich fast 40 bin und freischaffender Künstler in Teilzeit. Anders gesagt: Ich habe kein Geld. Ich hätte den Druck finanzieren können, ja, aber am Ende hat mir meine Mutter angeboten die Rechnung zu übernehmen.
Da schluckt MANN schon. Es war mir durchaus unangenehm. Das kratzt auch an meinem Ego. Ich bin Papa, ich habe Verantwortung gegenüber anderen, ich bin kein Kind mehr. Irgendwie denkt man: Das müsste man langsam mal alleine stemmen können. Aber die Realität sieht eben anders aus im Indie-Comic-Bereich. Man wird nicht reich und ist auf die Hilfe seiner Familie und der Freunde angewiesen. Egal ob man jetzt die Finanzspritze der eigene Mutter nutzt oder die Freunde und Bekannten bei einem einkaufen oder es an andere weiterempfehlen. Ohne diese Hilfe geht es nicht.
Mein Fazit
Letztendlich bin ich trotzdem verdammt stolz auf mich. Ich habe alle drei Hefte fertig gemacht. Sie sind genau so geworden, wie ich es gehofft habe: Herzhaft schräg, lustig mit einer kleinen Ebene zum drüber nachdenken. Ich nehme drei neue, wunderbare Comics mit nach Erlangen und freue mich, dass ich meinem Größenwahn nachgegeben habe.
Die Systematischen Missstände gilt es aufzudecken und zu überwinden, aber das ist eine Aufgabe für Comic in Bayern und andere Verbände - nicht für mich alleine.
Falls du nicht nach Erlangen kommst (oder mich davor bewahren willst, das nächste mal wieder meine Mutter fragen zu müssen): Die Hefte gibt es jetzt HIER bei mir im Shop.
